Lippfische zeigen spannende Verhaltensweisen

Hardwicks Lippfisch (Thalassoma hardwicke)
 

Originalartikel

 

Pasko, L., 2010. Tool-Like Behavior in the Sixbar Wrasse, Thalassoma hardwicke (Bennett, 1830). Zoo Biol. 29, 767-773. (abstract)

Fisch-Bibliothek 2010
 

Fische nutzen Felsen als Ambosse

Lange herrschte die Meinung vor, dass nur Primaten Werkzeuge als Hilfsmittel gebrauchen, um zum Beispiel an Futter zu kommen. Werkzeuggebrauch erfordert einiges an Geschick, Vorausdenken und Vorstellungsvermögen. Immer häufiger wird ähnliches Verhalten auch bei Fischen beobachtet.

In diesem Fall wurde ein Hardwicks Lippfisch (Thalassoma hardwicke) beobachtet, der in einem Aquarium gehalten und mit Futterpellets gefüttert wurde, die zu gross waren, als dass er sie in einem Stück hinunterschlucken oder in kleinere Stücke beissen konnte. Der Lippfisch löste das Problem, indem er mit dem jeweiligen Futterstück zu einem Stein schwamm und dieses gegen diesen Stein schmetterte. Dieses Verhalten wiederholte er, bis das Futterstück in Teile zerbrach, die klein genug waren, dass er sie hinunterschlucken konnte. Der Lippfisch wählte praktisch immer den gleichen Stein als Unterlage aus, obwohl auch noch andere Steine im Aquarium vorhanden waren. Er hatte sich also den Stein gemerkt und vermutlich eine Vorstellung davon, dass der Stein die Funktion eines Ambosses haben musste.

In ihrem angestammten Lebensraum ernähren sich Hardwicks Lippfische von Wirbellosen, kleinen Fischen und Einzellern, die sich in ihrer Beschaffenheit erheblich von den Futterpellets unterscheiden. Der Lippfisch zeigte also die Fähigkeit, mit neuartigem Futter umgehen zu können. Das setzt eine gewisse Flexibilität im Verhalten voraus und deutet auf intelligentes Verhalten hin. Diese hier beschriebene Einzelbeobachtung reiht sich in eine zunehmende Anzahl von Beobachtungen auch aus dem Freiland ein, die vor allem bei der Gattung der Lippfische gemacht wurden und auf spezielle Fähigkeiten und Hirnleistungen hinweisen. Dank dieser Fähigkeiten können die Fische Informationen aus ihrer Umwelt aufnehmen, verarbeiten, speichern und aktiv werden (kognitive Fähigkeiten).

Im Freiland wenden Fische häufig viel Zeit auf zur Futtersuche und setzen den Mund ähnlich wie Säugetiere ihre Pfoten oder Vögel ihre Schnäbel ein, um das Futter zu handhaben. In einer artgerechten Aquarienhaltung von Lippfischen bietet es sich daher an, die Umgebung mit Steinen mit rauer Oberfläche anzureichern und sie u.a. mit solchen Futterpellets zu füttern. Auf diese Weise verschafft man ihnen eine gute Beschäftigungsmöglichkeit, durch die sie ihr arttypisches Verhalten und ihre Fähigkeiten ausleben können.

 

Autor: L. Pasko

 

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