Originalartikel

Zebrafisch (Danio rerio), © Robert Beke, flickr.com

 

Graham, C., von Keyserlingk, M.A.G., Franks, B., 2018. Free-choice exploration increases affiliative behaviour in zebrafish. Appl. Anim. Behav. Sci. 203, 103-110. (abstract)

Fisch-Bibliothek 2018
 

Gemeinsam neues Gebiet erkunden

Haltungen, die den Tieren zu wenige Anreize bieten, können zu Langeweile und Lustlosigkeit bei den Tieren führen und somit ihr Wohlbefinden beeinträchtigen. In der freien Natur begegnen Tiere regelmässig Problemen, die sie lösen müssen, sodass sie überleben und weiter gedeihen können. Ihre kognitiven Fähigkeiten werden also immer wieder herausgefordert.

Ein bewährter Weg, die Haltungsbedingungen zu verbessern, ist es, den Tieren zu ermöglichen, ihre Umgebung erkunden zu können. Man geht davon aus, dass das Erkunden positive Emotionen auslöst, weil das Tier motiviert ist und das Bedürfnis hat, dieses Verhalten auszuüben und weil es so Informationen über seine Umwelt sammeln kann, was wichtig ist, damit es die Herausforderungen meistern kann. Zudem wirkt das Verhalten selbst verstärkend, also befriedigend für das Tier.


Frei nach Wahl
Zebrafische (Danio rerio) sind neugierige und intelligente Tiere, die gerne neue Dinge untersuchen. Es ist anzunehmen, dass die üblichen sterilen Haltungsbedingungen sich eher negativ auf ihr Wohlbefinden auswirken und dass sie durch kognitive Anregung gewinnen würden.

Es gibt verschiedene Arten, wie man das Bedürfnis nach Erkunden untersuchen kann. Die einen Tests untersuchen die Angst vor Neuem: Die Fische werden in ihnen unbekannten Aquarien (novel tank test) beobachtet oder sie werden einem Open-Field-Test unterzogen. Dabei werden die Tiere gezwungen, den neuen Raum zu erkunden. Bei freien Wahlversuchen hingegen lässt man den Fischen die Wahl, welche Umgebung sie erkunden möchten. Daher sind sie besser geeignet als die anderen Tests, um die Reaktionen der Tiere und das Erkundungsverhalten zu untersuchen.

Anbieten von zusätzlichem Schwimmraum

Die Autoren wollten wissen, wie Zebrafische in einem Wahlversuch auf neue Erkundungsmöglichkeiten reagieren und wie sich diese auf ihr Sozialverhalten auswirken. Zu diesem Zweck wurden Wildtyp-Zebrafische in einer Zoohandlung beschafft und unter halbnatürlichen Bedingungen beobachtet. Die Aquarien waren mit künstlichen Pflanzen, Steinen und Substrat eingerichtet, wobei das Substrat so eingefüllt wurde, dass sich unterschiedliche Wassertiefen ergaben. Mit einem undurchsichtigen Teiler war ein 10cm breiter Streifen des Aquariums abgetrennt, der während des Experiments durch eine Öffnung zugänglich war.

Erfasst wurde die Zeitspanne, bis die Fische in den neu zugänglichen Raum schwammen, wie oft sie dort reinschwammen und wie häufig sie sich am Boden aufhielten (ein Mass für die Ängstlichkeit). Des Weiteren wurde für das Sozialverhalten erfasst: agonistische Interaktionen, die Distanz zwischen den Individuen als Mass für den Zusammenhalt der Gruppe und die Ausrichtung der Individuen als Mass für Koordination der Gruppe.

Zusammenhalt gibt Sicherheit

Die Resultate zeigten, dass die Zebrafische sehr schnell ins neue Abteil schwammen, nachdem der Teiler geöffnet wurde (zwischen 0 und 19 Sekunden Dauer). Die Anzahl Besuche im neuen Bereich stieg während der ganzen Beobachtungsdauer an.


Nach dem Öffnen des Teilers zeigten die Zebrafische kein ängstliches Verhalten (bodenorientiertes Schwimmen), dafür schwammen sie näher zusammen und koordinierten ihre Bewegungen mehr, auch zeigten sie weniger agonistisches Verhalten.  Diese Reaktionen werten die Autoren als positives Zeichen, da unkoordiniertes Verhalten generell als negativer emotionaler Zustand gedeutet wird. Nach zwei Wochen verhielten sich die Zebrafische wieder so wie vor dem Öffnen des Teilers.  

 

Die Autoren kommen aufgrund der Verhaltensmuster zum Schluss, dass die Zebrafische profitieren, wenn sie frei wählen und zusätzlichen Raum erkunden können.

Erhöhter Zusammenhalt in der Gruppe bei Zebrafischen wurde auch in Tests beobachtet, in den die Zebrafische bedrohlichen Situationen ausgesetzt waren (novel tank test, open-field test). Es scheint also, dass die soziale Dynamik bei Zebrafischen beeinflusst wird von der Situation, der sie begegnen. Diese kann negativ sein z.B. eine Bedrohung oder positiv, z.B. Nahrungsvorkommen. Ein erhöhter Zusammenhalt  muss also nicht zwingend einen negativen emotionalen Zustand darstellen, sondern kann auch ein positiver Indikator sein, wie die Resultate dieser Studie zeigen.

Laborfische brauchen Anregung

Die Autoren diskutieren zum Schluss einige sehr wichtige Punkte. Zum einen zeigt die Studie, wie wichtig es ist, unter welchen Bedingungen oder Ansätzen Tests durchgeführt werden.
Weiter vermuten sie, dass Zebrafische leiden könnten, wenn sie ihr natürliches Bedürfnis nach Erkunden nicht befriedigen können aufgrund der eingeschränkten Haltungsbedingungen. Sie beleuchten insbesondere auch das Potential von solchen Anreicherungen der Haltungsumwelt für die kognitive Stimulation von Zebrafischen.

 

Ausdrücklich weisen sie auch darauf hin, dass sie ihre Studie unter halbnatürlichen Bedingungen gemacht haben, weil sie Möglichkeiten untersuchen wollten, wie man das Wohlbefinden der Zebrafische in der Aquarienhaltung verbessern kann. Möglicherweise wären andere Resultate herausgekommen, wenn unter standardisierten Laborbedingungen gemacht worden wären. Diese Art der Haltung wird jedoch von verschiedenen Wissenschaftern bemängelt, weil sie das Verhalten der Tiere sehr stark einschränkt und die Resultate möglicherweise daher bedingt aussagekräftig sind.

Die Resultate geben auch wichtige Impulse für die Haltung von Zebrafischen und Aquarienfischen generell in Heimaquarien oder öffentlichen Aquarien. Angebotene Beschäftigungen und Herausforderungen sollen die Fische natürlich nicht überfordern und biologisch Sinn machen. Sie sind aber eine Möglichkeit, das oft langweilige Leben der Aquarienfische etwas interessanter zu machen.


Autoren: Graham, C., von Keyserlingk, M.A.G., Franks, B.