Originalartikel

© k. millo, flickr.com cc

Ingrum, J., Nordell, S.E., Dole, J., 2010. Effects of habitat complexity and group size on perceived predation risk in goldfish (Carassius auratus). Ethology Ecology & Evolution 22, 119-132. (abstract)

Fisch-Bibliothek 2010
 

Gute Sicht entlarvt den Feind (2010)

Kommentar fischwissen

 

Der Lebensraum vieler Fischarten ist häufig vielfältig strukturiert. Pflanzen, Steine, Felsen und Wurzeln bilden ein Netzwerk an Strukturen, die den Fischen als Schutz, Futter oder Laichplätze dienen können. Sie können aber auch zu Hindernissen werden. Im lockeren Pflanzenbewuchs beispielsweise können sich die Fische vor Fressfeinden verstecken und so ihr Überleben sichern. Undurchdringliche Strukturen wie grosse Steine, Felsen oder sehr dichte Vegetation hingegen können verhindern, dass die Fische ihre Feinde früh genug sehen.

Daher vermutet man, dass die Fische auf verschiedenartige Strukturen unterschiedlich reagieren; und dies abhängig von der Grösse der Gruppe. Die Gruppengrösse kann einen Einfluss darauf haben, wie schnell ein Feind entdeckt wird oder wie stark der einzelne Fisch aufpassen muss, nicht gefressen zu werden und dadurch weniger Zeit für andere Verhalten hat, so zum Beispiel fürs Fressen. Goldfische (Carassius auratus) suchen häufig nach Futter, indem sie in einer schräg nach unten gerichteten Position mit dem Maul den Boden nach Fressbarem absuchen. Diese Position wird von Fressfeinden für überraschende Attacken ausgenutzt.

Die Auswirkungen von verschiedenartigen Strukturen aufs Verhalten wurde bei Goldfischen in verschiedenen Gruppengrössen (3, 6 oder 9 Individuen) untersucht. Dazu wurde das Aquarium in drei Bereiche unterteilt. Der Mittelbereich enthielt eine Futterschale. Der linke oder rechte Bereich des Aquariums enthielt entweder künstliche Pflanzen, die eine lockere Deckung simulierten, oder Backsteine, die eine eher sichtverdeckende Deckung simulierten. Die Fische wurden während der Fütterung im Mittelbereich beobachtet, wo sie sich aufhielten und wie ihre Position in Bezug auf sie Strukturen war.

Es zeigte sich, dass sich die Goldfische je nach Struktur tatsächlich anders verhielten. Bei der Einrichtung mit Backsteinen hielten sie sich bevorzugt auf der Seite des Futterbereichs auf, die am weitesten weg von der Struktur war, und zwar bevorzugt mit Blick auf die Struktur. Bildeten hingegen die Pflanzen die Einrichtung, ergab sich kein derartiges Muster, die Fische hielten sich zufällig verteilt im Futterbereich auf.

Es scheint also, dass Goldfische die verschiedenen Strukturen einschätzen und ihr Verhalten anpassen können: Möglichst weit weg von den die Sicht behindernden Strukturen, diese aber möglichst im Auge behalten, denn es könnte ein Feind dahinter lauern. Bei der lockeren Bepflanzung hingegen können die Fische bei Gefahr schnell darin Schutz zu suchen.

Interessanterweise hatte die Gruppengrösse keinen bedeutenden Einfluss auf die Futtersuche. In der Einrichtung mit den Backsteinen suchten die Goldfische etwas mehr nach Futter, je grösser die Gruppe war. Es scheint, dass die Fische den Vorteil von einer grösseren Anzahl wachsamer Artgenossen nutzen und mehr Zeit in die Futtersuche investieren. Bei der Einrichtung mit Pflanzen löst sich dieser Zusammenhang auf, denn die Fische können bei Gefahr sofort in die Pflanzendeckung flüchten.

 

Autoren: Ingrum, J., Nordell, S.E., Dole, J.

 

Kommentar fischwissen
Auf die Aquarieneinrichtung angewendet bedeuten diese Resultate, dass man sich gut überlegt, welche Strukturen man für die Einrichtung verwendet und wie man sie anordnet. Die Strukturen sollten den Fischen die Sicht auf das Geschehen im Aquarium aber auch auf Störungen von aussen nicht verstellen.