Originalartikel

Ein Leopolds Stachelrochen (Potamotrygon leopodi) gräbt sich im Sand ein. © C. Kistler, swild.ch

 

Greenway, E., Jones, K.S., Cooke, G.M., 2016. Environmental enrichment in captive juvenile thornback rays, Raja clavata (Linnaeus 1758). App. Anim. Behav. Sci. 182, 86-93. (abstract)

Fisch-Bibliothek 2016
 

Nagelrochen mögen es hell und nicht zu dicht

Obwohl Rochen recht häufig in Zoos gehalten werden, weiss man wenig über ihre artgerechte Haltung. In einem Wahlversuch mit jungen Nagelrochen (Raja clavata) wurden die Nutzung von Bodensubstrat, Substratfarbe und –tiefe und Verstecken sowie der Einfluss der Gruppengrösse auf das Verhalten angeschaut. 

 

Bodensubstrat

Die Nagelrochen wählten bevorzugt Sand als Substrat. Kies und den Bereich ohne Substrat mieden sie hingegen. Im sandigen Substrat ruhten die Rochen mehr in der horizontalen Position, während sie beim kiesigen Untergrund mehr vertikales Ruhen zeigten.

Bezüglich Sandfarbe bevorzugten sie klar den hellen Sand, dunklen Sand mieden sie. Rochen haben eine helle Körperfarbe und verstecken sich bei Gefahr im Sand. Sie sind daher in hellem Substrat gut getarnt. Sie können ihre Körperfarbe aber dem Substrat ein Stück weit anpassen. Daher ist eine gewisse Bandbreite bei der Substratfarbe möglich. Bei den verschiedenen Substrattiefen (50 mm, 25 mm und 2 mm) zeigten sie keine Präferenzen. Doch bei geringerer Tiefe tendierten sie dazu, eher in der Senkrechten zu ruhen. Normalerweise ruhen die Rochen horizontal gut getarnt im Sand. Daher wird das senkrechte Ruhen als abnormal gewertet, zumal die Tiere so besser sichtbar sind für Feinde. 

 

Deckung

Die Rochen suchten nicht häufiger das angebotene Enrichment an künstlicher und natürlicher Deckung aus Algen auf. Möglicherweise wurden die Rochen unter den Testbedingungen im Labor wenig gestört, so dass sich die Tiere keinen Anlass hatten, sich zu verstecken. In öffentlichen Aquarien stellt sich die Situation anders dar, wo durch die Besucher viel Betrieb herrscht. Hier ist es wichtig, dass die Tiere sich zurückziehen können.


Zu viele Artgenossen können stressen

Die Nagelrochen zeigten auch abnormale Verhaltensweisen wie surface breaking“* undbobbing“**. Diese Verhalten sind Stereotypien und wurden bei Rochen verschiedentlich beobachtet (Casamitjana 2004). Die Bedingungen Kies und kein Substrat lösten mehr „surface breaking“ aus. Interessanterweise zeigten sie im Abteil ohne Substrat auch das Verhalten „Sich vergraben“. Das deutet darauf hin, dass sie stark motiviert, dieses Verhalten auszuführen. Ist also kein Substrat vorhanden, droht die Gefahr, dass die Rochen eine Verhaltensstörung entwickeln.

 

Individuell gehaltene Rochen zeigten weniger „bobbing“ als in Gruppen gehaltene Rochen (4 oder 8 Tiere). In der Gruppenhaltung neigten die Rochen auch eher zu „surface breaking“. Diese Rochenart lebt bodenorientiert und verbringt viel Zeit halb vergraben im Sand, wo sie sich vor Feinden versteckt oder auf Beute lauert. Artgenossen können ein Stressfaktor sein, wenn sie in zu hoher Dichte gehalten werden. Ab welcher Dichte Artgenossen Stress auslösen, müsste noch genauer getestet werden.


Individuelle Unterschiede

Zwischen den einzelnen Individuen gab es erheblich Unterschiede im Verhalten. Daher kann es sein, dass die Individuen auch unterschiedlich mit ihrer Umgebung zurechtkommen. Daher sollte man ein Aquarium möglichst abwechslungsreich gestalten, damit alle Individuen ihre Bedürfnisse ihrem Charakter entsprechend decken können. 

 

Abnormale Verhaltensweisen

* surface breaking:  an der Oberfläche schwimmen, Schnauze/Kopf ragt aus dem Wasser

** bobbing: Während des Ruhens bewegt sich das Tier wiederholt auf und ab entlang der Aquarienscheibe.

 

Wichtig: Die Haltung von Rochen ist in der Schweiz bewilligungspflichtig. (Art. 92, Abs. g TschV)

 

 

Autoren: Greenway E,  Jones K S, Cooke G M