Originalartikel

 

Sneddon, L.U., Braithwaite, V.A., Gentle, M.J., 2003. Novel object test: Examining nociception and fear in the rainbow trout. Journal of Pain 4, 431-440. (abstract)

Fisch-Bibliothek 2003
 

Schmerz reduziert die Angst vor Unbekanntem

Diese Studie baut auf der Studie zu den "Lippen reibende Forellen" auf (Sneddon 2003). Dazu wurde ein spezielles Verhalten von Tieren untersucht, das diese zeigen, wenn sie neuen Objekten begegnen. Viele Tiere haben Angst vor unbekannten Reizen oder Objekten (Neophobie = die Angst vor etwas Neuem, Unbekanntem) und versuchen ihnen auszuweichen. Das Phänomen ist gut untersucht (bei Ratten, Mäuse, Pferde, Katzen, Vögel und Fische) und wird dazu eingesetzt, Angst zu messen. Diese Angstreaktion kann man nicht nur übers Verhalten beobachten, sondern auch über physiologische Reaktionen messen. Es gibt zwei Möglichkeiten, wie ein Tier auf eine bedrohliche Situation reagiert. Es kann sein, dass das Tier aus lauter Angst schmerzunempfindlicher wird. Dann hätte die Angst Oberhand über den Schmerz gewonnen. Es könnte aber umgekehrt sein, dass der Schmerz stärker ist als die Angst vor dem unbekannten Objekt. Dann behielte der Schmerz die Oberhand.

Auch Regenbogenforellen (Onchorhyncus mykiss) weichen normalerweise unbekannten Objekten aus. Das heisst, sie können bekannte von unbekannten Objekten unterscheiden. Sie müssen also eine gute Vorstellung von ihrem Lebensraum haben, damit sie diesen unbekannten Objekten ausweichen können. Zudem müssen sie ihre Aufmerksamkeit auf einen speziellen Aspekt ihrer Umgebung konzentrieren können. Das sind anspruchsvolle kognitive (link) Leistungen, d.h. die Forellen verarbeiten komplexe Informationen aus ihrer Umgebung und können sich merken und daran erinnern, wie ihre Umgebung gestaltet ist.

Von Untersuchungen beim Menschen ist bekannt, dass sie sich durch Schmerz ablenken lassen. Die Untersuchungen bei den Forellen zeigten, dass auch sie sich ablenken lassen, wenn man ihnen eine schädliche Substanz (Essigsäure) in die Lippen spritzt. Sie zeigten nämlich keine Angst vor einem unbekannten Objekt (farbige Legosteine) und hielten sich in dessen Nähe auf. Im Vergleich dazu hielten Forellen, die mit einer nicht schädlichen Salzlösung behandelt wurden, Abstand zum Objekt und brauchten viel länger, bis sie sich dem Objekt näherten. Es scheint also, dass die Essigsäure Schmerzen verursacht und die Forellen in ihrer Reaktion auf unbekannte Objekte beeinflusst. Wenn dies so ist, sollte diese Reaktion wiederum durch ein Schmerzmittel beeinflusst werdend können. Tatsächlich zeigten mit Essigsäure und Morphium behandelte Forellen wieder ängstliches Verhalten vor dem neuen Objekt.

Aus den Beobachtungen lässt sich schliessen, dass das gezeigte Verhalten kein reflexartiges Verhalten war, sondern dass die anspruchsvolle Leistung, die zum Verarbeitung von Information nötig ist, durch die unangenehme Behandlung mit Essigsäure stark beeinträchtigt war. Die Fische empfanden also Schmerzen in den Lippen, die stärker waren als die Angst vor Unbekanntem. Und diese Schmerzen lassen sich wie bei anderen Wirbeltieren mit Schmerzmittel vermindern.

 

Autorinnen: L.U. Sneddon, V.A. Braithwaite, M.J. Gentle

 

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