Komplexes Sozialverhalten

Anemonenfische wechseln im Verlaufe ihres Lebens das Geschlecht. (© K. von Wattenwyl)

 

 
 

Schneckenbuntbarsch beim Nestbau (© C. Kistler - swild.ch)

 

 

Diskusfische füttern ihren Nachwuchs mit Schleim, den sie von ihrer Haut absondern.

 

 

 
© C. Kistler - swild.ch

Beim Cichliden Neolamprologus pulcher helfen Gruppenmitglieder den Nachwuchs aufzuziehen und das Territorium zu verteidigen.

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Literatur

Heg, D., Taborsky, M., 2010. Helper Response to Experimentally Manipulated Predation Risk in the Cooperatively Breeding Cichlid Neolamprologus pulcher. PLoS One 5, 11. (abstract)

 

G.S. Helfman, B.B. Collette, D.E. Facey, B.W. Bowen. 2009. The Diversity of Fishes. 2nd. ed. Wiley-Blackwell.

Sozialsysteme
 

Das sagenhafte Sozialleben der Fische

Der grosse Artenreichtum bei Fischen widerspiegelt sich auch in den sehr unterschiedlichen Sozialsystemen, die sich im Verlaufe der Fischevolution entwickelt haben. Das Sozialsystem beschreibt die soziale Organisation (Zusammensetzung und Grösse der Gruppe), das Paarungssystem (wer pflanzt sich mit wem fort) sowie die soziale Struktur (alle übrigen sozialen Kontakte). Auch das Fortpflanzungs- und Balzverhalten ist bei Fischen äusserst vielfältig. 

 

Gruppenleben

Viele Arten leben in stabilen Gruppen, die sich in der Grösse und der Zusammensetzung der Geschlechter unterscheiden können. Das Leben in der Gruppe ist ein Phänomen, das in der Natur häufig beobachtet wird. Es bietet sowohl Vor- als auch Nachteile.

 

Vorteile sind zum Beispiel die bessere Verteidigung gegen Feinde (mehr Augen sehen mehr), die gemeinsame Verteidigung des Territoriums oder die effizientere Futtersuche. Grosse Fischschwärme können auf Raubfeinde verwirrend wirken. Dadurch sinkt das Risiko für den einzelnen Fisch gefressen zu werden. Bei Familiengruppen helfen Familienmitglieder häufig bei der Aufzucht und Verteidigung des Nachwuchses. Nachteile des Gruppenlebens sind die Konkurrenz beim Futter, beim Besetzen eines Territoriums oder bei der Fortpflanzung.

 

Viele Fische können einander individuell unterscheiden, was die Basis für ein komplexes Sozialverhalten legt.

 

Fortpflanzung 

Zur Fortpflanzung gehört die Partnersuche, die Kommunikation zwischen den Geschlechtern, das Finden von geeigneten Laichplätzen und –substraten und manchmal sogar der Nestbau sowie auch die Brutpflege. Einige Arten haben nur einen Partner, andere paaren sich mit unterschiedlichen Partnern und wieder andere halten sich Harems, d.h. ein Weibchen hat mehrere Männchen als Partner oder ein Männchen hat mehrere Weibchen als Partner.

 

Es kommt aber auch vor, dass sogar innerhalb einer Art das Fortpflanzungsystem nicht einheitlich ist. Es gibt auch Fischarten, die Zwitter sind oder die ihr Geschlecht während ihres Lebens ändern. Entweder leben sie zuerst als Weibchen und werden später zu Männchen oder umgekehrt.

 

Auch die bekannten Anemonenfische (Amphiprion spp.) zeigen einen solchen Geschlechterwechsel. Diese Fische leben in Gruppen von zwei grösseren und mehreren kleineren Individuen in einer Anemone. Nur die beiden grösseren Individuen pflanzen sich fort, wobei das grösste Tier das Weibchen und das zweitgrösste das Männchen ist. Das dominante Paar verhindert durch sein Verhalten, dass die kleineren Individuen wachsen und sich fortpflanzen können. Auch unter den kleineren Männchen herrscht eine Rangordnung. Stirbt das Weibchen, wird das dominante Männchen zum Weibchen und das grösste Individuum unter den kleinen übernimmt den Part des fortpflanzungsfähigen Männchens und beginnt schnell zu wachsen. 

 

Paarungsverhalten

Um den Partner zu beeindrucken, setzen manche Arten auf Unterschiede zwischen den Geschlechtern. So können sich Männchen und Weibchen in der Grösse des Körpers, der Flossen oder des Kopfs sowie in der Färbung unterscheiden. Häufig ist das Männchen grösser und bunter, aber bei einigen Arten ist das Weibchen grösser. Diese Veränderungen entwickeln sich meist mit der sexuellen Reife und treten häufig nur während der Paarungszeit auf. Auch die Fähigkeit, den Partner akustisch anzulocken, gibt es bei Fischen.

 

Das Paarungsverhalten reicht von einfachem Werben bis zu komplizierten Paarungsritualen. Häufig ändert und intensiviert sich die Farbe während der Paarung. Wichtig sind auch chemische Signale zwischen den Geschlechtern, die Informationen über die Paarungsbereitschaft vermitteln. 

Bei den meisten Arten findet die Befruchtung der Eier ausserhalb des Körpers statt, nur bei einigen im Körper. Die meisten Arten laichen mehrere Male in ihrem Leben. Es gibt aber Arten wie die Lachse der Gattung Onchorhynchus, die nur einmal ablaichen. Diese Fischarten schlüpfen im Süsswasser, wandern ins Meer und kehren nach Jahren an ihren Geburtsort zurück, wo sie laichen und sterben. Umgekehrt ist es bei den Aalen (Anguillidae), die im Süsswasser leben und für das einmalige Ablaichen ins Meer wandern.

 

Das Laichen kann in Gruppen stattfinden. Hier wird der Laich meist direkt ins Wasser abgegeben. Bilden Fische Paare, wird häufig auf geeignetes Substrat abgelaicht. Der Laichort wird verteidigt und Eindringlinge oder Konkurrenten vertrieben. Einige Fischarten bauen auch Nester. Häufig sind die Eier haftend und kleben an Pflanzen, Steinen, Holz oder Muscheln. Bitterlinge nutzen leere Muscheln, um den Laich zu deponieren. Es gibt auch Fischarten, die lebendgebärend sind.

 

Brutpflege

Viele Fischarten betreiben keine Brutpflege. Bei erstaunlich vielen Arten kommt dies aber doch vor. Dann übernimmt entweder das Männchen oder das Weibchen die Brutpflege oder aber beide Elterntiere bewachen den Laich oder ihren freischwimmenden Nachwuchs. Meist sind es die Männchen, die die Brutpflege übernehmen. Die Brutpflege ist sehr vielfältig und kann das Verteidigen, Pflegen, Säubern, Herumtragen und Einsammen der Eier bzw. des Nachwuchses beinhalten.

 

Einige Arten bauen Nester. So bauen die verbreiteten und als Aquarienfische beliebten Fadenfische Schaumnester. Manchmal wird der Nachwuchs auf der Futtersuche begleitet und vor Räubern beschützt. Bei Maulbrütern wie zum Beispiel den Guramis oder Buntbarschen nimmt meist das Männchen die befruchteten Eier auf und brütet sie aus. Bei einigen maulbrütenden Buntbarschen ist das Elternmaul auch für den geschlüpften Nachwuchs weiterhin schützende Höhle. Ist Gefahr in Verzug saugt das Elterntier kurzerhand die gesamte Jungmannschaft ins Maul auf.

 

Bei Seenadeln und Seepferdchen übernimmt meist das Männchen die Pflege. Das Weibchen legt ihnen die Eier in spezielle Taschen. Das Männchen befruchtet die Eier und beschützt zuerst die Eier und später den geschlüpften Nachwuchs. Es gebärt die Jungen, indem es sie durch Kontraktionen aus der Tasche entlässt.

 

Diskusfische (Symphysodon) und wahrscheinlich auch andere Cichliden (Buntbarsche) füttern ihre Jungen mit Schleim, den sie über ihre Haut abgeben. Männliche Schleimfische behandeln ihre Eier mit Schleim, den sie in Analdrüsen produzieren. Es scheint, dass dieser Schleim den Nachwuchs vor Bakterien und Pilzen schützt. 

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