© Brian Gratwicke, flickr.com

Triki, Z., Bshary, R., Goymann, W., 2019. Long‐term memory retention in a wild fish species Labroides dimidiatus eleven months after an aversive event. Ethology. (abstract)

 
Emily Cox, CC BY-SA 4.0

Das Untersuchungsgebiet Lizard Island im Great Barrier Reef

Fisch-Bibliothek 2019
 

Der Schreck lässt nicht nach – Langzeitgedächtnis bei Putzerfischen (2019)

Sich an angenehme oder unangenehme Situationen zu erinnern, ist für Tiere überlebenswichtig. Es ist gut zu wissen, wo es gute Futterquellen gibt oder wo Gefahren durch Konkurrenten oder Fressfeinde lauern oder wo sich potentielle Partner aufhalten. Auch Fische erinnern sich an solche Ereignisse, selbst wenn diese Wochen oder Monate zurückliegen, das haben verschiedene Studien gezeigt (siehe zB. Hamilton, 2016, Fischwissen-Zusammenfassung). Allerdings sind Studien zum Langzeitgedächtnis von in freier Wildbahn lebenden Fischen rar.

Putzerfische sind neugierig

Der Lebensraum der Putzerfische (Labroides dimidiatus) sind tropische Riffe. Sie haben ein komplexes Verhalten und als Anbieter von Putzdiensten eine spezielle Lebensweise (mehr Infos) und werden deswegen seit längerem untersucht, sowohl im Labor als auch im natürlichen Lebensraum. Für die Laborexperimente fangen die WissenschafterInnen die Putzerfische jeweils mit Netzen und lassen sie danach wieder frei.

Normalerweise sind Putzerfische sehr neugierige und erkundungsfreudige Fische, sie putzen das Maulinnere von grossen Raubfischen und nähern sich auch Tauchern ohne Scheu. Doch den Forschern fiel auf, dass diejenigen Individuen, die schon einmal Bekanntschaft mit dem Fangnetz gemacht hatten, fortschwammen und sich in Felsspalten versteckten, sobald die Taucher sich näherten. Dies nach einer Zeitspanne von vier Wochen zwischen den Fangereignissen. Würden sie sich auch nach einer längeren Zeit daran erinnern?

Das Einfangen bleibt in Erinnerung

Die Putzerfische sind territorial und bleiben ihrem Territorium treu, auch wenn sie daraus entfernt werden. Daher bot es sich an, experimentell zu testen, ob sich eingefangene und wieder freigelassene Putzerfische auch nach Monaten an das unangenehme Fangereignis erinnern würden.

Im Juli bzw. August fingen die ForscherInnen im Rahmen einer anderen Studie 41 weibliche Putzerfische und brachten sie für Experimente ins Labor. Sie setzten dabei die üblichen Netze mit einer Grösse von 2 m × 1 m und 5 mm Maschenweite ein. Mitte September entliessen sie die Probandinnen wieder an der gleichen Stelle im Riff, wo sie sie gefangen hatten.

Knapp ein Jahr später planten sie, am selben Ort wieder Putzerfische für ein weiteres Experiment einzufangen. Aber auch diesmal versteckten sich die aufmerksamen Putzerfische in den Spalten der Rifffelsen vor den Tauchern und tauchten erst mehrere Meter entfernt wieder aus ihren Verstecken auf.

Vergleiche mit anderen Standorten
Die Forscher protokollierten die Reaktionen der Fische nun systematisch und verglichen das Verhalten mit demjenigen von Putzerfischen an vier anderen Stellen im Riff, wo während zwei Jahren keine Fangaktionen durchgeführt worden waren. Und tatsächlich versteckten sich hier die Putzerfische nicht vor den Tauchern mit Netzen. Dies deutet darauf hin, dass sich die Individuen von der ersten Stelle (1) an das unangenehme Ereignis des Gefangenwerdens erinnerten.

Die Autoren der Studie weisen darauf hin, dass die Stichprobenzahl gering war und genauer untersucht werden muss, ob die Putzerfische auf das Netz oder die Taucher oder auf beides in Kombination reagieren.

Die Reaktion der Putzerfische macht biologisch Sinn
Zur Interpretation ihrer Beobachtungen stützen sich die Wissenschaftler auf die Biologie der Putzerfische. Zum einen ist das Verstecken in Felspalten ein ungewöhnliches Verhalten bei dieser Art, die sonst sehr mutig ist und sich auch grossen Fischen und Menschen nähert. Zudem hat diese Art ein geringes Sterblichkeitsrisiko, was es sehr wahrscheinlich macht, dass es nach elf Monaten die gleichen Individuen waren, die sie einzufangen versuchten. Dieses Argument wird auch durch die Territoriumstreue der Putzerfische gestützt. Und da für Fische das Einfangen bzw. ein Angriff ein sehr negatives Ereignis und lebensbedrohlich ist, ist es für sie überlebenswichtig, sich an solche Situationen zu erinnern und ihnen ausweichen zu können.

Dass sich die Putzerfische an den vier Vergleichsorten einfingen liessen, könnte mit verschiedenen Faktoren zusammenhängen. Zum einen waren diese Orte teilweise einiges grösser, so dass die Chance auf ein zuvor eingefangenes Individuum zu stossen, sehr klein war. Zum anderen lebten diese Individuen, die die letzte Fangaktion vor über zwei Jahren miterlebten, womöglich nicht mehr oder hatten sich zu Männchen umgewandelt, die nicht Ziel der Fangaktion waren. Putzerfische sind proterogyne Zwitter, das heisst, sie beginnen ihr Leben als Weibchen und wechseln das Geschlecht dann, wenn sie gross genug sind, um ein Harem um sich zu scharen. Es gibt noch diverse Wissenslücken zur Biologie der Putzerfische, auch bezüglich Alter und Geschlechtsreife. Man vermutet, dass sie sie ca. fünf Jahre alt werden.

Eine weiter Möglichkeit ist, dass die das Erinnerungsvermögen von Putzerfischen unter zwei Jahren liegt. Um all diese Fragen besser beantworten zu können, braucht es weitere Studien. Die in der Studie beschriebenen Beobachtungen sind ein schönes Beispiel, wie Forschungsfragen entstehen, aber auch welche kognitiven Leistungen Fische erbringen.