Originalartikel

 

Laubu, C., Louapre, P., Dechaume-Moncharmont, F.X., 2019. Pair-bonding influences affective state in a monogamous fish species. Proc Biol Sci 286, 20190760. (abstract)

 

In diesem Youtube-Film kann man sehen, wie die Buntbarsche gelernt haben, die Futterbox zu öffnen.

 


Weitere zitierte Literatur:

 

Paul, E.S., Harding, E.J., Michael Mendl, M., 2005. Measuring emotional processes in animals: the utility of a cognitive approach. Neuroscience and Biobehavioral Reviews 29, 469-491. (abstract)

Raoult, C.M.C., Moser, J., Gygax, L., 2017. Mood As Cumulative Expectation Mismatch: A Test of Theory Based on Data from Non-verbal Cognitive Bias Tests. Front Psychol 8, 2197. (abstract)

Fisch-Bibliothek 2019
 

Gute Stimmung, schlechte Stimmung bei Buntbarschen (2019)

Eine gute Partnerschaft kann glücklich machen. Hingegen können wiederholt negative Erfahrungen mit einem Partner auf die Stimmung schlagen, was wiederum den Fortpflanzungserfolg mindern kann. Auch Fische sind also gut beraten, einen passenden Partner auszuwählen, der nicht nur hinsichtlich seiner Genetik, sondern eben auch in Bezug auf sein Verhalten und insbesondere seine Fürsorglichkeit etwas zu bieten hat und somit für gute Laune und Zufriedenheit sorgt.

Emotionale Zustände werden durch sehr viele verschiedene Faktoren beeinflusst. Je nachdem, ob man Hunger hat, sich an einem reich gedeckten Tisch laben kann, sich in freundlicher Gesellschaft befindet oder umzingelt ist von Feinden, fühlt man sich zufrieden oder entspannt oder im Gegenteil unbefriedigt, deprimiert oder ängstlich.

Glas halb voll oder halb leer?
Diese Zustände wirken sich auch darauf aus, wie man sich in bestimmten Situationen entscheidet. So weiss man, dass deprimierte Menschen ein zur Hälfte gefülltes Glas eher als halb leer sehen, Menschen hingegen, die sich in einer zuversichtlichen Stimmung befinden, neigen mehrheitlich dazu, das Glas als halb voll zu sehen (Paul et al. 2005). Bisher hat man diese sogenannte negative bzw. positive kognitive Voreingenommenheit (negative or positive cognitive bias) bei verschiedenen Wirbeltieren, Vögeln und sogar bei Bienen in Tests nachgewiesen und so etwas über ihren emotionalen Zustand erfahren (Raoult et al. 2018)

In diesem cognitive judgement bias test (Test zur kognitiven Voreingenommenheit) trainiert man die Tiere darauf, ein Signal (Reiz) mit einer angenehmen Situation bzw. ein anderes Signal mit einer unangenehmen Situation zu verbinden. Anschliessend präsentiert man den Tieren ein zweideutiges Signal. Reagieren nun die Tiere darauf eher wie in der unangenehmen Situation, kann man schliessen, dass die Tiere in einer eher negativen bzw. pessimistischen Stimmung sind, das Glas also halb leer sehen, und umgekehrt.

 

Aufwendige Jungenaufzucht
Diesen Test haben die Autoren dieser Studie nun zum ersten Mal bei Fischen durchgeführt. Dazu vergesellschafteten sie Weibchen der Art Amatitlania siquia, einer Buntbarschart aus Mittelamerika, wahlweise mit ihren bevorzugten Männchen bzw. mit den nicht bevorzugten Männchen und erhofften sich damit, Hinweise auf den emotionalen Zustand des Weibchens zu erhalten.

Amatitlania siquia lebt monogam und gehört zur selben Gattung wie der aus der Aquaristik besser bekannte Zebrabuntbarsch (Amatitlania nigrofasciata). Die Elterntiere investieren viel in ihren Nachwuchs und schützen ihn während mehrerer Wochen vor den vielen Fressfeinden bis er unabhängig ist. Das bedingt, dass die Paare gut miteinander funktionieren und die Partner verlässlich sind.

Wahlversuch: Welcher passt zu mir?
In einem ersten Experiment führten sie einen Wahlversuch durch, um herauszufinden, welche der Männchen jeweils das bevorzugte war. Danach vergleichen sie den Fortpflanzungserfolg der Weibchen, die sich mit ihrem bevorzugten Männchen verpaaren konnten, mit demjenigen der Weibchen, die sich mit dem nicht bevorzugten Männchen verpaaren mussten.

Es zeigte sich, dass die Weibchen einen besseren Fortpflanzungserfolg hatten, wenn sie sich mit ihrem bevorzugten Männchen verpaaren konnten. Sie laichten früher ab, betrieben mehr Brutpflege und stritten sich deutlich weniger mit dem Männchen und schliesslich schlüpften bei diesen Paaren auch mehr Larven aus den Eiern.

Training mit Futterbox
Für das zweite Experiment, dem cognitive judgement bias test, trainierten die Forscherinnen die Fische, den Deckel kleiner Boxen mit Futter drin zu öffnen. Die Idee dahinter: Befindet sich in der Box Futter, stellt dies eine positive Situation dar. Hat es hingegen kein Futter in der Box drin, ist das etwas frustrierend für den Fisch. Die «positiven» und «negativen» Boxen unterschieden sich in der Farbe (schwarzer oder weisser Deckel) und in der Position (links oder rechts) im Aquarium.

Als zweideutiges Signal diente eine Box mit grauem Deckel, die jeweils an einer Position zwischen der «positiven» und «negativen» Box ins Aquarium gestellt wurde. Gemessen wurde nun, wie lange es dauerte, bis das Weibchen die Box öffnete. Je schneller das Weibchen die Box öffnete, desto positiver wurde sein emotionaler Zustand eingeschätzt, das heisst, das Weibchen schien zuversichtlicher zu sein, dass sich in der Box ein Futterstück befindet. Dieses Vorgehen wird in dieser Filmsequenz zur Studie veranschaulicht.

Der richtige Partner hebt die Stimmung
Dieser Test wurde nun in der Anwesenheit eines bevorzugten bzw. nicht bevorzugten Männchens durchgeführt. Tatsächlich brauchten die Weibchen länger, bis sie die Box mit dem grauen Deckel öffneten, wenn sie mit dem abgelehnten Männchen vergesellschaftet wurden. Für die Autoren ein deutlicher Hinweis, dass sich diese Weibchen in einem negativen emotionalen Zustand befanden, also weniger zuversichtlich waren, ein Stück Futter zu finden. Die Autoren fügen denn auch an, dass eine positive Stimmung die Partnerschaft stabilisieren kann, was bei monogam lebenden Tieren für den Fortpflanzungserfolg von Vorteil ist.


Nachweis von Emotionen bei Fischen möglich
Der Vorteil solcher Studien ist, dass sie nicht invasiv sind, es müssen weder physiologische Untersuchungen gemacht noch müssen Hirnströme gemessen werden, sie stützen sich rein auf Verhaltensbeobachtungen in einer ausgeklügelten Versuchsplanung ab. Der Ansatz des cognitive bias bzw. der kognitiven Voreingenommenheit ist sehr vielversprechend. Dass er auch bei Fischen erfolgreich angewendet werden kann, zeigt zum einen, dass die Fische hohe kognitive Fähigkeiten haben, und zum anderen, dass auch Fische emotionale Bindungen zu Artgenossen aufbauen können.