Originalartikel

© Brian Gratwicke, flickr.com

Gemeiner Putzerlippfisch (Labroides dimidiatus)

 

 

Kohda, M., et al., 2019. If a fish can pass the mark test, what are the implications for consciousness and self-awareness testing in animals? PLoS Biol 17, e3000021. (abstract)

 

Unter den Supporting information finden sich Videos zu den ungewöhnlichen Verhalten, die die Putzerfische vor dem Spiegel gezeigt haben.

 

 

de Waal, F.B.M., 2019. Fish, mirrors, and a gradualist perspective on self-awareness. PLoS Biol 17, e3000112. (abstract)

Fisch-Bibliothek 2019
 

Haben Fische ein Selbstbewusstsein?

Soll bewiesen werden, dass Tiere sich selber erkennen können oder ein Selbstbewusstsein haben, gilt noch immer der Markierungs-Spiegeltest als Lackmustest (Hintergründe zum Test). Der Test wird aber auch immer wieder kritisch betrachtet. Menschenaffen, Elefanten, Delphine und Elstern haben ihn bisher erfolgreich absolviert, andere Arten wie Hunde und Papageien hingegen nicht. Werden die richtigen Kriterien angewendet und was würde es heissen, wenn ihn Fische bestehen würden? 

 

Putzerfische als geeignete Kandidaten

Für ihre Studie haben die Forscher den Gemeinen Putzerlippfisch (Labroides dimidiatus) gewählt, weil sich diese Fischart aus verschiedenen Gründen für den Spiegeltest eignen:

 

Sie entfernen anderen Fischarten Ektoparasiten von der Haut, sie orientieren sich bei der Nahrungssuche also stark visuell, und sind sowohl in der Lage, Flecken mit ungewöhnlicher Färbung zu erkennen als auch motiviert, darauf zu reagieren.

 

Als soziale Fische haben sie durch ihre Lebensweise ein sehr umfangreiches und intelligentes Verhalten entwickelt (mehr Informationen). Zwar haben Fische keine Extremitäten wie Hände und Füsse, aber sie zeigen dennoch selbstbezogenes Verhalten wie das Kratzen der Haut am Substrat, um Parasiten zu entfernen. 

 

Tanz vor dem Spiegel 

Nachdem die Putzerfische sich im Test-Aquarium eingewöhnt hatten, wurde der Spiegel abgedeckt. Zu Beginn zeigten die Putzerfische aggressive Reaktionen und griffen das Spiegelbild an (Phase 1).

 

Dieses Verhalten verschwand nach sieben Tagen, dafür traten neu ungewöhnliche Verhalten auf: Die Fische schossen immer und immer wieder auf den Spiegel zu und stoppten davor, mit oder ohne Berühren des Spiegels, schossen am Spiegel vorbei, schwammen kopfüber oder zeigten eine Art Tanz, indem sie wiederholt die Kiemen spreizten, den Körper krümmten und dabei zitterten (Phase 2).

 

Es waren Verhalten, die vorher noch nie beobachtet wurden und nur in Gegenwart des Spiegels auftraten, aber auch kein Sozialverhalten darstellten, da sie in einem Kontrollexperiment nicht auftraten, in dem die Putzerfische einen Artgenossen hinter einer durchsichtigen Abtrennung sehen konnten.

 

Im Verlaufe des Experiments verharrten die Putzerfische vermehrt nah am Spiegel (Phase 3). Dies könnte als eine Art Sich-Betrachten interpretiert werden, auch wenn es bei Fischen schwierig ist zu beurteilen, ob sie in den Spiegel schauen.

 

Die Autoren kommen zum Schluss, dass diese Fischart alle Kriterien erfüllt haben, die für einen bestandenen Spiegeltest erforderlich sind und sie alle drei Phasen durchlaufen haben, die typischerweise beim Spiegeltest auftreten. 

 

Markierungstest: Die Fische kratzen sich an der markierten Stelle 

Im zweiten Teil des Experiments wurden die Fische mit einer braunen Markierung, einem Ektoparasiten ähnlich, unter der Haut versehen, bei je zwei Fischen an der linken bzw. rechten Kopfseite und bei vier Fischen an der Kehle, so dass sie für die Fische nur im Spiegel sichtbar waren. Als Kontrolle für diese Prozedere diente eine Gruppe mit einer transparenten Markierung. Die markierten Fische wurden anschliessend mit und ohne Spiegel beobachtet. 

 

Die Analyse der Videoaufnahmen ergab, dass die Putzerfische bedeutend häufiger Positionen einnahmen, die es ihnen erlaubten, die Markierung im Spiegel zu betrachten (Ähnliches wurde bei Delphinen beobachtet) und sie versuchten auch, die Markierung mit Sich-Kratzen am Substrat zu entfernen. Beides wurde bei den Fischen mit der transparenten Markierung nicht beobachtet bzw. wenn kein Spiegel vorhanden war. Es ist also anzunehmen, dass die Putzerfische die Markierung als Ektoparasiten wahrnahmen und sie loswerden wollten.

 

Dieses Verhalten legt nahe, dass sie sich tatsächlich im Spiegel erkannt haben und widerspricht der Erwartung, dass sie instinktiv Parasiten wegbeissen. In diesem Fall hätten sie in den Spiegel beissen müssen, weil sie den Kunden vom Parasiten befreiten wollten. Um diese Erklärung auszuschliessen, malten die Autoren in einem weiteren Versuch Markierungen direkt auf den Spiegel. Die Putzerfische versuchten weder die Markierungen zu entfernen noch zeigten sie Kratzverhalten. 

 

Selbstwahrnehmung oder eher gefühlte Wahrnehmung?

Von anderen Wissenschaftern wurde jedoch eingewendet, dass Kratzen ein Verhalten sei, dass viele Fische zeigen und somit kein ungewöhnliches Verhalten ist. Möglicherweise hätten die Putzerfische die Markierung auch mit einem unangenehmen Reiz in der Haut in Verbindung gebracht. Daher sei es wohl wahrscheinlicher, dass die Putzerfische nicht den eigentlichen Spiegeltest, sondern eine Art gefühlten Spiegeltest bestanden haben (de Waal 2019).

 

Dagegen wäre einzuwenden, dass das Sich-Kratzen bei Säugetieren als selbstbezogenes Verhalten akzeptiert wird. Warum sollte man es also bei Fischen nicht als selbstbezogenes Verhalten einstufen? Und zudem reagierten die Fische nur auf die Markierung, wenn sie diese mit Hilfe des Spiegels an sich entdecken konnten. 

 

Die Autoren der Studie beurteilen ihre Resultate sehr vorsichtig und vermeiden es zu behaupten, dass sie bewiesen hätten, dass die Putzerfische ein Selbstbewusstsein haben. Werde jedoch das Verhalten der Fische anders eingeschätzt als dasjenige von Säugern und Vögeln, müsse der Spiegeltest als Nachweis für Selbstwahrnehmung kritisch hinterfragt werden.